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Wahrheitssuche

„Die Gelehrten haben wenige Vorurteile, dafür umso festere.“ (Freiherr A.v.Knigge)

Dr. Karl-Heinz Ilting  (1925-1984) erfuhr als Kieler Dozent (Dr. habil. 1962, ab 1966 Professur an der U Saarbrücken) beiläufig von Prof. Dr. Hans Diller, dass dessen Doktorand Horst Peters den platonischen Dialog Lysis aufgrund der werkimmanenten Interpretation und der weitgehenden Beziehungen des Lysis zur Politeia chronologisch nach diesem Zentralwerk Platons anzusetzen wolle. Ilting sprach daraufhin Peters an mit der Bemerkung, was hätte er (Peters) davon, wenn die Dissertation in der Fakultät abgelehnt würde. Denn seine (Iltings) Forschungsergebnisse zur Chronologie der platonischen Dialoge seien „mit ehernen Banden gesichert“ (Vgl. Peters 2001, 100, A. 96). Diese unmissverständliche Drohung nötigte Peters, sein Vorhaben zu ändern – eine erhebliche und folgenreiche Erschwernis der Arbeit.  Zugleich wurde damit das Vertrauen in die Gemeinschaft der Forscher, die im Streben nach der Wahrheit sich verbunden fühlen sollten, erheblich erschüttert. Erst 33 Jahre nach der Promotion konnte  Peters 2001 seine in jahrzehntelanger Selbstwiderlegung (Elenchos nach Platon, Soph. 230d) gereiften Ergebnisse in der wissenschaftlichen Reihe PRISMATA des internationalen Verlags Peter Lang vorlegen – dank der vorurteilslosen Würdigung durch Prof. Dr. Bernhard Zimmermann. 

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Prof. Dr. Hans Krämer, der als namhafter Exponent der „Tübinger Schule“ sich ganz wesentlich für die Anerkennung der ungeschriebenen Lehre Platons einsetzte, hat mit dem Brief vom 22.04.2001  für die „reichhaltige Arbeit“  von Peters 2001 gedankt. Sie sei ein Lichtblick zumal in der deutschsprachigen Szene. „Leider ist die Philosophie in den letzten vier Jahrzehnten so antimetaphysisch geworden, dass einschlägige historische Klärungen entweder auf kühle Indolenz oder auf aggressive  Ablehnung stoßen.“ Trotz der Datierungsschwierigkeiten, die sich beim Wegfall der festen Stütze der Sprachstatistik ergeben, fand er meine Datierung des Lysis nach der Politeia und damit die Einbeziehung der ungeschriebenen Lehre plausibel (Peters 2001, 75), obwohl damit im Frühwerk keine sichere Spuren der ungeschriebenen Lehre mehr nachzuweisen seien. Im Einzelnen anerkannte er die scharsinnige Argumentation und die Einbeziehung aller Parallelen.- Bei Krämers logisch-ideellem Zugang zur Platon-Interpretation hat seine Aussage zu den logischen Aspekten der Arbeit von Peters 2001 Gewicht. Leider konnte Hans Krämer nicht eine umfassende Rezension schreiben, da er, für logische Analyse und Synthese hervorragend begabt und entsprechend geübt, nicht in gleicher Weise sich ein sicheres Urteil für das Gewicht der aufgezeigten künstlerischen Phänomene erarbeiten konnte.

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Verwunderlich  bzw. skandalös ist eine Aussage , die sich ausgerechnet in dem Platon-Hand-Buch, (Ed. C. Horn, J. Müller, J. Söder), Stuttgart. Weimar 2009, s. 274-275 findet: „Dafür, daß der Lysis vor dem Symposion und der Politeia entstanden ist, spricht, daß erst diese beiden Dialoge eine Metaphysik des letzten Strebenszieles entwickeln (Bordt 1998, 94-106). Diese These wird den Texten eher gerecht als die entgegengesetzte, der Lysis kläre, was im Symposion in der Schwebe blieb, und wegen der Beziehungen zur Ungeschriebenen Lehre sei er chronologisch nach der Politeia anzusetzen" (Peters 2001, 91,7 [sic! – soll wohl heißen 91 mit Anm. 87]). Obwohl Peters mehrfach dezidiert seine Datierung unabhängig macht von der ungeschriebenen Lehre Platons, behauptet Prof. Dr. Dr. emer. Friedo Ricken SJ in freier Erfindung, nach Peters sei der Lysis  chronologisch nach der Politeia anzusetzen wegen der Beziehungen zur ungeschriebenen Lehre. Das kommt an dieser Stelle unmittelbar zugute dem Buch seines Geistesbruders an der Hochschule für Philosophie der Jesuiten München, Prof. Dr. Michael Bordt SJ (Michael Bordt, Platon, Lysis: Übersetzung und Kommentar, Göttingen 1998). Das beurteile einer, wie er mag.- Die Arbeit von Bordt ist nützlich wegen ihrer gelehrten Informationen und anregend wegen der brillanten Logik, verfehlt aber völlig die Intention Platons, indem Bordt die weder guten noch schlechten Menschen wegen ihres Strebens nach dem Guten zu Guten erklärt und als höchstes Strebensziel ein geglücktes Leben annimmt. Bordt hat denn auch in seiner philosophischen Vortragsreihe über Philosophische Anthropologie (München 20011) in der Vorlesung über Freundschaft und Liebe – frei von Metaphyik und Religion - keinen Bezug mehr genommen auf seine Lysis-Deutung. Wenn er darin allerdings Platon zu den Philosophen rechnet mit mindestens misamoristischen Tendenzen ( „ Liebe und tiefe persönliche Freundschaften abzulehnen, weil sie im Grunde negative Folgen für uns Menschen haben.“, a.a.O, 118), kann das einige Verwunderung auslösen.

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Ganz anders ist natürlich Prof. Dr. Michael Erler zu bewerten mit seiner monumentalen Monographie Platon, Basel 2007, 792 S. in: Grundriss der Geschichte der Philosophie / Die Philosophie der Antike / 2/2.  Der Autor gibt einen souveränen Überblick über den Stand der Platonforschung, die Schriften Platons, das Leben Platons, über Platon als Autor, die Werke Platons, die Lehre Platons und die Nachwirkung Platons.- Ein solches Werk ist selbstverständlich nicht möglich ohne die weitgehende Überwindung subjektiver Einseitigkeiten und Befangenheiten. Dadurch ist es Erler z. B. auch gelungen, der Anerkennung der ungeschriebenen Lehre Platons in maßvoller Form zum Durchbruch zu verhelfen.-

Im Einzelnen führt Erler auch Autoren an, die der opinio communis widersprechen, und erwähnt beispielsweise, dass Peters 2001 den Lysis nach der Politeia anordnet (a.a.O. 157. 418). Man kann allerdings bei dem monumentalen Unternehmen Erlers  nicht erwarten, dass dabei jeder Dialog mit der gleichen Gründlichkeit bedacht wird, die bei einer Einzeluntersuchung möglich und gefordert ist.  So war es Erler 2007 offenbar noch nicht möglich, die sorgfältigen phänomenologischen Darstellungen und logischen Untersuchungen von Peters 2001 nachzuvollziehen, die eine Datierung des Lysis nach der Politeia nahelegen. Vielmehr bejaht Erler Argumente der opinio communis, der Lysis sei vor der Politeia anzusetzen. Als Zwillingsbruder des Charmides sei er ein wichtiges Zeugnis platonischer Philosophie (mit metaphysischem Hintergrund) und Dialogkunst. Er findet die Anordnung im Übergang von den frühen zu den mittleren Dialogen nach Schoplick plausibel.. Dabei wird in Anknüpfung an Slezák 1985 vermerkt: „Die Verwandtschaft sowohl zu <Charmides>  als  inhaltlich zu <Symposium> und <Phaidros> … ist kaum zu bestreiten.“ (a.a.O. 157).

Im Sinne seines chronologischen Ansatzes des Lysis bestimmt Erler die Grundrichtung  der Interpretation: Der Lysis, tendenziell auf dem Weg zum Symposion und nur am Ende durch die Gleichsetzung des Eigenen [oikeion] mit dem Gleichen abgelenkt in die Aporie, sei erst durch die Diotima-Rede des Symposions voll verständlich (Erler a.a.O. 160).

Hinsichtlich der Komposition findet Erler entsprechend der vermeintlichen Nähe zum Charmides auch für den Lysis eine einfache Gliederung  in einen Prolog und drei Hauptteile:                                            

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Wie wir gesehen haben, wird die inhaltliche Interpretation des Lysis entscheidend bestimmt durch die Datierung im Frühwerik Platons bzw. im Übergang zu den mittleren Dialogen, d.h. vor dem Symposion. Dieses Vorurteil der opinio communis ist mit gewichtigen Grümden  aufzuheben.

Datierende Sprachstatistik. Zunächst ist hervorzuheben, dass selbst aufgrund der Ergebnisse der bisher anerkannten datierenden Sprachstatistik der Lysis nach dem Symposion angeordnet werden kann (vgl. Erler a.a.O. 24-25). Außerdem ist zu berücksichtigen, dass im Lysis Antwortformen vorkommen, die in den anderen Frühdialogen nicht zu finden sind: Ti men 219e4, Alla ti men 208b1.c4. Besonders auffallend: Das zweimalige Alla ti men im Sinne von Ti men ist nach Ritter nur in der Politeia (R.IV,438b13. VIII,559d3. IX,574a11) und im Philebos (37d5) nachzuweisen.- Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, "dass die Massierung gewisser Zustimmungsformeln, die den Sprachstatistikern als ein sicheres Indiz für das Frühwerk galt,  auf die Form des aporetischen Dialoges zurückzuführen ist und (nach der Politeia) im Theaitetos wieder begegnet, während sie sich im Kratylos - bislang im allgemeinen vor der Politeia angesetzt - auf die elenktischen Dialogpartien beschränkt zeigt." (Rolf Mainz bei Peters 2001,88-89). Das Eposé einer unveröffentlichen Examensarbeit von Rolf Mainz liegt der Wissenschaft seit Peters 1968 vor (Platons Lysis. Untersuchungen zur Problematik des Gedankenganges und zur Gestalt des Kustwerks, Diss. Kiel 1968), wurde aber trotz oder wegen dieser  Grundlagenkritik an der datierenden Sprachstatistik bisher nicht aufgegriffen. Bordt (a.a.O. 152, A. 357) zitiert Peters 1968 nur mit einer anderen, völlig unwesentlichen Stelle. Auch Erler geht leider auf das von Mainz aufgeworfene Problem der datierenden Sprachstatistik und die Besonderheit des Lysis nicht ein.- Es bleibt aber festzuhalten: Wenn ein aporetischer Dialog mit den ihm eigentümlichen Antwortformen nicht notwendig dem Frühwerk angehören muss, dann ist das auch für die  spätere Datierung des Lysis relevant.

In logischer Hinsicht ist bedeutungsvoll, dass im Lysis eine terminologische Festlegung der Ausdrücke dia und hou heneka auf Realursache und Finalursache erfolgt, während in der Politeia (R. II, 357a1-358a3) die Ausdrücke hautou charin und hautou heneka wie austauschbar mit dia behandelt werden. (Zu dem komplizierten Zusammenhang Peters 2001, 79-80). Dadurch wird im Lysis die Kette der Finalursachen mit einem endlichen Regress zu einem Ersten Lieben = Ersten Guten möglich.- Da dieses Erste Liebe = Erste Gute als Anfang und Ende bezeichnet wird - rein logisch zunächst ein Widerspruch -, ist das sinnvoll als Anspielung auf die Idee des Guten der Politeia zu verstehen. Denn dort wird die Idee des Guten als voraussetzungsloser Anfang des Hypothesis-Zusammenhanges und als Ende des individuellen Aufwärtsweges zur Idee des Guten gedacht. So erhalten auch die Wortanklänge an termini technici der Ideenlehre ihren Sinn als Anspielungen auf die Idee des Guten.- Wenn man nach den überzeugenden Ausführungen von Hans Krämer in der Politeia die Idee des Guten als das Prinzip des Einen der ungeschriebenen Lehre verstehen darf, dann lässt sich das fruchtbar machen für das Verständnis der philia. Als vereinendes Prinzip schafft es die Einheit in der Vielheit, die Ganzheit, und kann als höchstes Strebensziel die Freunde, die sich schon durch gemeinsame Ziele verbunden wissen könnten, in höchstem Maße verbinden. – Eine Stelle des Lysis, die schon Erler aufgefallen ist (a.a.O. 162: „problematische Änderung von dia zu heneka“ – 220d) erhält durch die Einsetzung der gegensätzlichen Prinzipien einen Sinn: Wenn es heißt, die übrigen phila seien phila um eine anderen philon willen, das wirklich Liebe (to to onti philon= Gute) sei um des Feindlichen (=Schlechten) willen lieb, dann kann man das so verstehen: Nimmt man dem Einen das Gegenprinzip der Vielheit als Wirkensfeld, dann bleibt es bloße Möglichkeit. Liebt man  das Eine um seiner selbst willen als Wirkendes unabhängig vom eigenen Vorteil, dann muss man auch sein Wirkensfeld, das Prinzip der Vielheit,  lieben (Peters 2001, 121).- Ausdrücklich wird diese Datierung nach der Politeia nicht von der zusätzlich vertiefenden Deutung durch die Ungeschriebene Lehre Platons abhängig gemacht (Peters 2001, 7.15-16.83-85.) 

Zur Thematik des Lysis. Der gesamte Dialog behandelt inhaltlich die Doppelthematik von eros und philia – mit dem Hauptakzent auf der ausdrücklich thematisierten philia,  mit dem physischen Unterton der sinnlichen Liebe und dem geistigen Oberton des echten Liebhabers.

Das Motiv des echten Liebhabers. Dem Lysis ist mit dem Phaidros gemeinsam das Motiv des echten Liebhabers und damit die Korrektur des egoistischen Eros des Symposion. Denn der Eros des Symposion erstrebt als das Gute die (eigene) Eudaimonie und sieht die Beziehung zum einzelnen leiblich schönen Menschen und zu einem Menschen mit einer schön veranlagten Seele nur als Durchgangsstufe auf dem Weg zur Idee des Schönen. Dem göttlich begeisterten Liebhaber des Phaidros dagegen ist ein großes beständiges Wohlwollen (eunoia) gegenüber dem Geliebten eigen, sodass diesem gottbegeisterten Freunde (entheos philos) die Gegenliebe des Geliebten antwortet. Im Lysis ist Sokrates unausgesprochen der echte Liebhaber, der sich am Ende als Freund der beiden jungen Freunde bezeichnet. Eros und philia werden also im Phaidros und im Lysis miteinander verwoben - im Phaidros im Ausgang vom eros, im Lysis umgekehrt von der philia her. Denn dem Wohlwollen des Phaidros entspricht mit anderer Begrifflichkeit das Ideal der möglichst selbstlosen philia des Lysis. Das ergibt sich, wenn  man das Ideal der selbstlosen Beziehung des Menschen zu der um ihrer selbst willen geliebten Idee des Guten überträgt auf die Beziehung der mangelhaft-bedürftigen Menschen untereinander. - Im Symposion schlägt Eryximachos vor, zur gemeinsamen Unterhaltung Reden zu halten, und zwar Reden über den Eros - nach einer Anregung des Phaidros. Und so veranlasst er, dass Phaidros die erste Rede über den Eros hält. Wenn nun Phaidros im gleichnamigen Dialog der einzige Gesprächspartner und der so liebevoll angesprochene schöne Knabe ist, dem Sokrates seine enthusiamierte Rede über den Eros hält, dann ist diese faktische Korrektur des selbstbezogenen Eros der Diotima-Rede unausgesprochen die eigentliche Palinodie (Widerruf) des Phaidros.

Der Lysis als geistiges Kind des Phaidros. Die Unterschiede zwischen Phaidros und Lysis hinsichtlich der Länge, die Art der Begrifflichkeit und der positiven Aussagen fallen sofort ins Auge. Der Phaidros ist ein großer dramatischer Dialog mit unausschöpflich positiver Fülle: Auf einem stimmungsvoll beschriebenen Naturschauplatz entfalten sich zwischen nur zwei Partnern - Sokrates und Phaidros - in großer Steigerung drei Reden über den Eros, gipfelnd im pädagogischen Eros des gottbegeisterten Liebhabers, gefolgt von nüchterner philosophischer Reflexion. Der Unterschied zwischen mündlicher und geschriebener Rede wird aufgezeigt und dabei betont, dass nur in mündlicher Rede lebendige Samen in die Seele des Angesprochenen  gesät werden können. Der Lysis ist ein von Sokrates erzählter Dialog  mit den jüngsten Gesprächspartnern in platonischen Dialogen, mit den beiden etwa zwölfjährigen Freunden Lysis und Menexenos und dem leidenschaftlich verliebten Hippothales (Ktesippos ist eine Randfigur als dramatischer Impulsgeber). Es ist ein aporetischer Dialog von äußerster Knappheit und größter künstlerisch-philosophischer Dichte. Platon zeigt im Lysis, wie auch im geschriebenen Werk Gedankenkeime in Seelen gesenkt werden können. Das ist ein Abbild der im Phaidros besprochenen philosophisch-pädagogischen Rede.

Trilogie. Aus vielfältigen Gründen kann man dem Lysis als Dialog des metaxy den mittleren Platz in der Trilogie Phaidros – Lysis – Euthydemos zuweisen, einer Trilogie mit absteigender Klimax hinsichtlich der Gesprächsstimmung von begeistertem Eros über die beruhigte Philia hin zu den verhassten Streitreden der Eristiker bei gegenläufig jeweils zunehmender Zahl der Gesprächspartner.- Wer Schwierigkeiten mit der Vorstellung einer Trilogie Phaidros – Lysis - Euthydemos hat, könnte sich wohl eher anfreunden mit der Vorstellung einer pädagogischen Trias des Phaidros mit seinen geistigen Kindern Lysis und Euthydemos, die Exemplifikationen darstellen der Situationen, der pädagogischen Spielräume und der dann möglichen psychagogischen Aktionen  – als Reorganisation des platonischen Erziehungswerks nach der Politeia (nach mündlicher Äußerung von Hans Diller).- Lysis und Euthydemos sind nicht nur als Extremfälle platonischer Dialogkunst und Protreptik, sondern auch durch inhaltliche Zusammenhänge (Rolle des Erastes - des ängstlich sich versteckenden Hippothales im Lysis und des mutig den Eristikern Paroli bietenden Ktesippos im Euthydemos), logische Figuren (endlicher transzendierender regressus zum Ersten Lieben = Guten des Lysis und scheinbar unabsehbarer irdischer progressus im "Gut-Machen" der Menschen im Euthydemos) sowie durch deutlichen Rückverweis auf die Politeia aufeinander bezogen.-  In jeweils einmaliger Gestaltung werden die Möglichkeiten des dramatischen Dialogs (Phaidros), des erzählten Dialogs (Lysis) und der virtuosen Verschränkung beider Dialogformen (Euthydemos) ganz neu entfaltet. Dazu ausführlich Peters 2001, 99-118.

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Die höchst komplexe Struktur hebt den Lysis schon bei werkimmanenter Interpretation stark vom Charmides und überhaupt vom Frühwerk ab. Zudem werden intensive Bezüge kompositorischer und inhaltlicher Art zur Politeia erkennbar.

A. Die dialogüberspannende Klammer, die Anfang und Ende des Dialoges mit der Zentralthese, der 3. Hauptthese,  verbindet, kennzeichnet den Lysis als Dialog des metaxy, des intermediären Dazwischen: Dem räumlichen Auf-dem-Wege-bleiben des Beginns entspricht die zeitlich noch nicht (oupo) vollendete Suche nach Erkenntnis – im Einklang mit der 3. Hauptthese der metaxy ontes zwischen dem Schlechten und dem Guten.

B. Die Gesamtkompositionumfasst                                                                                                                                           

3 Vorgespräche  mit Hippothales, Lysis und Menexenos – mit jeweils spezifischem Vorspiel (dramatische Auseinandersetzung, partiell öffentliche „Intrige“, geschlossene “Intrige“) und 

das Hauptgespräch mit den 4 Hauptthesen und ihren sofortigen Widerlegungen:

Anders als im Frühwerk (z.B. Charmides) zeigen schon die Vorgespräche den Gesprächspartnern des Sokrates die Grenze ihres Wissens und Könnens auf. Indem jedoch das dritte Vorgespräch mit Menexenos bereits das Thema des Hauptgesprächs über die Freundschaft eröffnet, wirkt es verbindend  zwischen den Vorgesprächen und dem Hauptteil mit  den  4 Hauptthesen.-  Verbindend zwischen dem eristischen Menexenos-Gespräch und dem substantiellen Hauptgespräch (4 Thesen) wirkt weiter das stillschweigenden Spiel mit der Kreisbewegung des Gedankenganges: die Rückkehr zu einer Anfangsschwierigkeit, im zweiten Falle zu einem ganzen Gedankenzug. Dabei ist bemerkenswert, dass bei der Aufzählung der abgelehnten Thesen im ersten Falle eine These zuviel genannt wird (die sowohl Liebenden wie Geliebten), im zweiten Falle eine These zu wenig aufgezählt wird (nämlich die für den Dialog des metaxyentscheidende Beziehung der weder Guten noch Schlechten zueinander). Das geht weit über das Spiel mit der Kreisbewegung in früheren Dialogen (Euthyphron, Menon, Hippias I) hinaus (Dazu Horst Peters, PLATONS LYSIS. Untersuchungen zur Problematik des Gedankengange und zur Gestalt des Kunstwerks, Diss. Kiel 1968, 96-97).                                                                                                                   

C. Die Binnengliederung.  

Einerseits werden die beiden ersten Hauptthesen durch eine zweigliedrige Begrifflichkeit zusammengeschlossen (gleich-ungleich, gut- schlecht; Armer-Reicher, Schwacher-Starker, Kranker-Arzt, Nichtwissender –Wissender; gegensätzliche Sinnesqualitäten). Die dritte und die vierte Hauptthese werden durch eine dreigliedrige Begrifflichkeit (gut-schlecht-weder gut noch schlecht) verbunden.

Andererseits verbindet eine gleichartige Folge von Motiven die Erörterungen der 1. und der 3. Hauptthese. Diese gleichartige Motivfolge wurde bisher nie erkannt, da  sie bei der Erörterung der dritten Hauptthese gesteigert wird nach Aus- dehnung, Gewicht und dialogisch-dramatischer Ausgestaltung: „1) Theseneinführung durch Dichterautorität bzw. durch Weissa­gung des nichtwissenden Sokrates. …2) Das scheinbar positive Ergebnis wird gewonnen durch ein Ausschlussverfahren mit einer Zweiheit bzw.  Dreiheit von Begriffen bzw. Worthülsen: gut, schlecht, weder gut noch schlecht. … 3) Sokrates, der immer Nichtwissende, verbindet sich mit den Jun­gen in einem gemeinsamem Scheinwissen - bei der dritten These mit scheinbar unübertrefflicher Gewissheit und allseitiger Gültigkeit. … 4) Die Feststellung des Scheinergebnisses wird bei der ersten These eingeleitet durch die Anrede o hetaire (214d4) an Lysis allein, bei der drit­ten These durch die namentliche Anrede beider Knaben  … 5) Die scheinbare Sicherheit wird unterstrichen durch die apodikti­sche Formulierungen, dass der Gute dem Guten als Einziger dem Einzi­gen (monos mono) freund sei - dass dem Guten als Einzigem das weder Gute noch Schlechte als Einziges (mono monon) freund werde. … 6) Sokrates meldet einen Zweifel an. … 7) Er setzt an zur Kritik. … 8) Er korrigiert sich mit einem zweiten Anlauf zur Kritik. … 9) Im Anschluss daran kommt es bei der ersten These zu einer Wi­derlegung durch reine strenge Begriffe, die durch Verabsolutierung des Ähnlichen zum exakt Gleichen und des sittlich Guten zum allseitig und vollkommen Tüchtigen die Freundschaft auszuschließen scheinen (214e5-215c4). Peters 2001, 36-38). Angespielt wird auf den dahinter stehenden dialektischen Begriff des kosmischen Ganzen.Paralogisch widerlegt wird die dritte These durch die Preisgabe des reinen Begriffs des Ersten Lieben, das durch das Erste Gute ersetzt wird und als Endzweck scheinbar wieder Mittel zum Zweck wird. Angespielt wird aber auf den höchsten Begriff platonischer Dialektik, auf die Idee des Guten. …" (Genaueres mit den Belegen Peters 2001, S. 36-38). Diese Motivfolge verrät nicht nur die Ironie von Sokrates/Platon in der überlegenen paralogischen Gesprächsführung, sondern auch die philosophische Intention Platons. Das zeigt sich zunächst  an dem ersten Kristallisationspunkt, der bisher nie verstanden und daher durchgehend falsch übersetzt wurde: „Werden wir nun durch ein gewisses Ganzes getäuscht?“  (Lys. 215c3-4). Das bezieht sich auf die frühere Formulierung: „Bist du nicht auch den Schriften der Hochweisen begegnet, die eben das sagen, dass das Gleiche notwendig immer lieb sei? Es sind aber diese wohl diejenigen, die über die Natur und das Ganze (peri physeos te kai tou holou) reden und schreiben.“ (Lys. 214b2-5). Damit sind gemeint kosmologische Erörterungen in der Akademie, die erst im Timaios publiziert werden (Dazu Peters 2001, 89-90).

Bei dem zweiten Kristallisationspunkt (Lys. 220d4-7) wird neben der positiven Verbindung der Dialogpartner mit dem Begriff der weder Guten noch Schlechten (ton metaxy onton tou kakou te kai tagathou) vor allem die Frage gestellt, ob das Gute von Natur so beschaffen sei und geliebt werde wegen des Schlechten, selbst aber um seiner selbst willen keinen Nutzen (keine Verwendung) habe. Die durch den endlichen Regress der philon-Reihe schon ausgeschiedene Realursache des Schlechten wird mit der Wiedereinsetzung des Guten wieder hereingemogelt bzw. es wird noch einmal das Problem hereingeholt: Kann bei Anerkennung der defizitär-mangelhaften Existenz des Menschen die Ursache des Schlechten einfach weggelassen werden?

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Zwischenbemerkung zur folgenden Präzisierung zu Peters 2001. Die notwendig prägnanten Hinweise der Internetseite gehen in einer Hin- sicht sinnverstärkend über den Text von Peters 2001 hinaus: Durch die Gegenüberstellung von zwei Kristallisationspunkten = Schlüsselstellen geben sie längeren Gedankenentwicklungen des Buchtextes von Peters 2001 eine schärfere Kontur.


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Die beiden Kristallisationspunkte in Frageform stehen in genauestem Bezug zueinander (1. Kristallisationspunkt): Wenn man für den Menschen den Begriff des kosmischen Ganzen in platonischer Auffassung negieren muss, (nämlich absolute Gleichheit mit sich selbst und anderen und damit die Unmöglichkeit, in Bezug auf andere zu tun und zu leiden, was man nicht schon durch sich selbst tun und erleiden kann) – und weiter für den Menschen negieren muss die Selbstgenügsamkeit und Bedürfnislosigkeit des uneingeschränkt Guten -, dann muss man (2. Kristallisationspunkt) positiv zusprechen den real existierenden Menschen - den Dialogpersonen einschließlich Sokrates - den Begriff der metaxy ontes inclusive Bedürftigkeit und hat nun wieder das scheinbar überwundene Problem: In der philon-Reihe war logisch zwingend nachgewiesen, dass es einen letzten Zweck geben muss, den man um seiner selbst willen lieben kann/muss. Der real existierende Mensch ist aber mangelhaft und bedürftig. Wie kann also der real existierende Mensch trotz Mangel und Bedürftigkeit ohne Mitwirken dieses schlechten Anteils ein Anderes - und sei es ein Höchstes - selbstlos, um seiner selbst willen, schätzen (agapan) und lieben (philein)? Und gar noch einen anderen mangelhaft-bedürftigen Menschen? 

Zugleich wird die Frage nach der Natur des Guten gestellt. Diese Frage lässt sich mit der werkimmanenten Interpretation genau so wenig beantworten wie die Frage nach dem Ganzen (des Kosmos). Es gibt zwar im Lysis Ausdrücke, die sonst in Bezug auf die Ideen verwendet werden wie z. B. to onti philon, eidola, die  hier aber nur auf etwas anspielen können, was nicht in seinem Ideensein entwickeln wird (Genaue Nachweise Peters 2001, 75, Anm.64). Das lässt sich nur verstehen durch eine gründliche Einbeziehung der Politeia.

 E. Der Vergleich von Politeia und Lysis. .

EI. Bedeutsame künstlerische Motive verbinden den Anfang und das Ende des gewaltigen Zentralwerks allein mit dem so verdichteten aporetischen Dialog Lysis: das Motiv des Weges und seiner Unterbrechung durch das Einladungsmotiv und das Festmotiv. Die in der Politeia großräumig mehr diffus verteilten Motive werden im Lysis aufs Äußerste verdichtet und aufeinander bezogen angeordnet. Das spricht zu- nächst einmal für die Reihenfolge Politeia – Lysis anstelle einer Auflösung der erreichten Konzentration des Lysis in der Politeia.

EII. Der zentrale Motivkomplex – von mir abkürzend als Dreiecksfigur bezeichnet. Gemeint ist eine Folge von Motiven, die im Lysis zusammengedrängt ein kompositorisches Ganzes bilden, während sie in der Politeia mit dem viel größeren Eigen­gewicht in der jeweiligen Gesprächssituation keinen so ausgeprägten Zusammenhang aufweisen Es ist der Zusammenhang der Motive

1) Dichterautorität und ihre gründliche Erschütterung

2) Weg zum Ersten Lieben(= Guten) als letztem Worumwillen und dieses Erste Liebe (= Gute) selbst

3) Abstieg  hin zum Erfahrungswissen über den Menschen als Lebewe­sen, das zum Begriff des oikeion führt.

Das in der Politeia weit Verstreute wird im Lysis zu einer neuen Einheit zusammengezogen. Es lässt sich zeigen, dass dieser Motivkom­plex als Ganzes auf die Politeia hinweist, die zumindest in der Gesamt­anlage schon konzipiert war oder gar als vollendetes Werk schon vorlag. Ich glaube sogar, die zweite Möglichkeit als die wahrscheinlichere er­weisen zu können.

 Zu 1) Mit den beiden ersten Thesen wird die Autorität der Dichter als Väter und Führer der Weisheit und der hochweisen Physikoi aufgebaut und dann vernichtet - im Aufwärtsweg der Politeia die erste Stufe der Lösung (lýsis) von den Schattenbildern, von den aufgenommenen Meinungen der Dichter, die den Blick auf die tatsächlichen Dinge und Vorgänge verstellen. (Dazu Peters 2001, S.71 mit Anm.58 zu O. Utermöhlen, Die Bedeutung der Ideenlehre für die Platonische Politeia, Heidelberg 1967, S. 70-73.)

Zu 2) In der  Politeia führt der Aufwärtsweg zur Idee des Guten. Im Lysis führt der Weg nach der Lösung von der Autorität der Dichter und der Physikoi in einem endlichen Regress der Güter als Finalursachen  – vereinfacht dargestellt als philon-Reihe  – zu einem Ersten Lieben, das nicht mehr als Mittel zum Zweck, sondern um seiner selbst willen geliebt wird. Das Erste Liebe ist zugleich das Erste Gute, wird aber nicht als Idee des Guten bezeichnet und nicht in seiner transphysischen Seinsform begründet. Das wäre ja auch angesichts des Alters und der philosophischen Anfangsstufe von Lysis und Menexenos gar nicht möglich. Die vielen Ausdrücke, die sonst mit den Ideen verbunden werden, können hier nur unabgeleitet als allgemeine Anspielungen auf die Ideenlehre verstanden werden. Doch wenn das Erste Liebe als Anfang und Ende bezeichnet wird, dann lässt sich dieser scheinbar logische Widerspruch nur verstehen als Anspielung auf die Idee des Guten, auf den voraussetzunglosen Anfang des Liniengleichnisses und auf das Ende des Schulungsweges des Höhlungsgleichnisses. Die Substanz der Politeia liegt hier zugrunde. Damit können auch die anderen Anspielungen auf die Ideenlehre ihre Substanz erhalten.

Zu 3) Der dritte Punkt unserer Kompositionsfigur im Lysis ist der faktische Abstieg von der spekulativen Höhe und die Rückwendung zur empirischen Wirklichkeit (Lys. 220e6-221a7). In der Politeia erfolgt der ideelle Abstieg in komplexer Weise: zunächst in der Betrachtung der konkreten Verfassungen der Einzelseele und der entsprechenden staatlichen Gebilde. Dann aber folgt ein subtiler Unsterblichkeitsbeweis, der ausgeht von der zugehörigen Lust, die jedem der drei Seelenglieder zukommt. Im Unterschied zum Symposion wird das jeweils Beste und Zugehörige den Seelengliedern abgestuft zugeordnet (R.IX, 586d4-587a, besonders 586e2 to beltiston hekasto, touto kai oikeiotaton). Demzufolge gibt es auch für die leiblichen Begierden, die dem epithymetikon zuzuordnen sind, ein Zugehöriges. Diese Berücksichtigung der verkörperten gegliederten Seele mit den differenzierten oikeia steht im Hintergrund des Lysis, wenn dort die Hinwendung zu den leiblichen Begierden des Hungers und Durstes erfolgt und so zur Ableitung des oikeion führt – in Verkehrung von Ursache und Wirkung. Wenn man schon ein solches Ursache-Wirkungsverhältnis annehmen will, dann ist das oikeion die Ursache des Verlangens. Für den Lysis selbst darf man schon das Wissen von der dreigliedrigen Seele annehmen – wiederum in direktem Bezug zur Politeia*.

*In der Politeia werden 3 Menschentypen besprochen, die unverkennbar Ausdruck der der platonischen Seelenlehre sind, die philoinoi, philotimoi und die philosophoi (R.475a5-b9)V.  Danach werden mit leichter Hand auch stilisiert die drei Gesprächspartner Thrasymachos, Glaukon, Adeimantos – im Lysis entsprechen den Seelengliedern Hippothales, Menexenos, Lysis. Auf die drei Menschentypen der Politeia nimmt in ganz unauffälliger Formulierung Bezug die Reihenfolge philoinoi, philogymnastai, philosophoi. (Lys.212d5-7). Die Seelenlehre der Politeia steht im Hintergrund des Lysis.

Die weder guten noch schlechten Begierden. In der Ableitung der 4. Hauptthese des Lysis wird davon ausgegangen, dass man manchmal nützlich, manchmal schädlich, manchmal weder nützlich noch schädlich begehren kann und dass nach dem [spekulativen] Verschwinden der Übel die weder guten noch schlechten Begierden bestehen bleiben werden. Inhaltlich bleiben sie unbestimmt. Den erhellenden Begriff gibt R. VIII, 558d8-559c2: Diese Begierden sind notwendig  für die Erhaltung des Organismus.  

Wir treffen also im Lysis im Abstieg zum Menschen als Lebewesen analog der Politeia zweimal auf Andeutungen von begrifflichen Differenzierungen, deren volle Bedeutung durch Ausführungen der Politeia erkennbar wird: zum Einen bei der Dreiheit der Begierden die unbestimmte Annahme von weder guten noch schlechten Begierden – bezogen  auf die leiblichen Begierden von Hunger und Durst; zum Anderen beim Begriff des Zugehörigen: Das allgemeine oikeion des Symposion  wird im Sinne der Politeia differenziert für ein Glied der im Lysis zu unterstellenden dreigliedrigen Seele, für das epithymetikon - durch die Herleitung von den leiblichen Begierden.

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Rückblick auf die Strukturuntersuchungen. Die Gliederung der Gesamtkomposition des Lysis in drei Vorgespräche (mit jeweiligem Vorspiel) und das Hauptgespräch mit den vier Hauptthesen wurde bestätigt durch die Binnengliederungen.

In werkimmanenter Interpretation konnte gefunden werden die Binnengliederung des Hauptgesprächs durch zwei gleichartige Motivfolgen, die den Akzent auf die erste und dann verstärkt auf die dritte Hauptthese legen. Diese Motivfolgen dienen der geszielten Stimmungsbildung, dem Erleben des Philosophierens mit seinen Umschwüngen.

Der Vergleich mit der Politeia führte zu der Entdeckung, dass die beiden ersten Hauptthesen und ihre Widerlegungen zu der Vernichtung der Autorität von Dichtern und Physikoi führen sollten. Das ist keimhaft  die Lösung (lysis!) von den Schattenbildern als Beginn des Schulungswegs der Politeia.-  Mit der dritten Hauptthese wird in keimhafter Form veranlagt der Aufwärtsweg zur Idee des Guten - durch den Regressus zum Ersten Lieben = Ersten Guten.- Im Übergang zur vierten Hauptthese wird wieder in keimhafter Form  die Rückkehr zur empirischen Wirklichkeit vollzogen, indem man sich von der spekulativen Höhe zurückwendet zum empirischen Wissen von den Begierden, die nützlich, schädlich und keins von beiden sein können. Diese letzte unbestimmte Möglichkeit wird erst verständlich durch den Bezug zur Politeia.

Die anspruchsvollen Untersuchungen zur Struktur der künstlerisch-ideellen Zusammenhänge wurden ans Ende unserer Argumentationskette gesetzt, da sie von Forschern mit primär oder ausschließlich logischem Zugang wohl nicht so leicht in ihrem Gewicht erfasst werden können.

Fazit: Sprachstatistische, logische und inhaltliche Gründe sowie anspruchsvolle künstlerisch-strukturelle und ideelle Zusammenhänge legen es nahe, den Lysis nach der Politeia anzusetzen als geistiges Kind des Phaidros , als Korrektur des egoistischen Eros des Symposion. Eine Trilogie Phaidros – Lysis – Euthydemos ist denkbar als Reorganisation des platonischen Erziehungswerks nach der Politeia (Hans Diller) – mit drei außerordentlichen Formen der platonischen Protreptik zur Philosophie. Diese drei Grenzfälle künstlerischer Gestaltung Platons zeigen zugleich eine Antiklimax der Stimmungen von Eros (Phaidros) über Philia (Lysis) zu partiell geistiger Feindschaft (Euthydemos). Wenn eine Grundstimmung überhaupt das tragende und treibende Element echter künstlerischer Gestaltung ist, die durchgehend erlebbare Einheit verbürgend, so trifft das in besonderem Maße für den eminenten Gedankenkünstler Platon zu. Um das zu würdigen, darf man nicht stehenbleiben bei logischer Analyse und Synthese und dem Konstatieren poetischer Elemente, sondern muss die Phänomene der Durchdringung des Gedanklichen und des Künstlerischen zu erfassen suchen und die Bewegung durch das Ganze, die gegliederte Einheit des Dialoges willentlich vollziehen. Dieser Anspruch ist nur mit einiger Selbstüberwindung einzulösen.

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Prof. Dr. Hans Diller vernahm die Hypothese seines Doktoranden Horst Peters, dass Platon nach der Politeia die Trilogie Phaidros – Lysis – Euthydemos gebildet haben könne, ohne Vorurteil, sondern konnte sich das als eine Reorganisation des platonischen Erziehungswerkes nach dem Zentralwerk vorstellen. Darin zeigte sich seine Bereitschaft, eine ungewöhnliche Hypothese nicht gleich zu verwerfen, sondern sie gründlich zu prüfen und notfalls eigene Auffassungen zu korrigieren. Durch seine menschliche Feinheit und seine wissenschaftliche Gesinnung war mir Hans Diller ein Vorbild in menschlicher und wissenschaftlicher Hinsicht.

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© Horst Peters  10/2017, überarbeitet 8/2018